Beim sehr gesittet ausgefallenen "Ceremony" stehen positive Messages an
erster Stelle und die auf Entspannung setzenden Beats fördern die Lyrics
in ihrem Engagement, Menschen eine andere Denkkultur vorzustellen, als
die, die sie vielleicht aus anderen Hip Hop Songs oder ihrer erlebten
Realität kennen. Doch die geschmackskorrekten Soul- und Jazz-Formen
weisen kaum Spuren einer halbwegs originellen Konzeption aus, die das
Album in seinem Geist auffrischen und den eher öden Inhalt aufwerten
könnte. Denn die einzigen Töne, die man für überraschend halten kann,
wenn man es denn wirklich will, sind Scratches. Wie Mittel, die auf die
Wurzeln des Genres verweisen sollen, tauchen sie auf, um den
vermeintlich anti-formelhaften Part zu spielen. Aufgrund der fehlenden
Effektivität, die insbesondere von musikalischer Seite aus geht, bleibt
das das von potenziellen Experimentiersünden Abstand haltende Werk ein
weiterer Aufguss des Post-90s-Conscious-Weicheisounds, der sich mutigen
Schritten verweigert und ohne Elan bleibt. Kurz vor dem Ende aber, dort
wartet Raashan Ahmad mit einer verdammt guten Nummer auf, die wirklich
Spaß macht, einen tollen Vibe mitbringt und mit den von mir im Hip Hop
oft vermissten Pfeif-Einlagen nicht spart. Kein schlechtes Release, aber
austauschbar wie ein Lokal, in dem man sich mit Leuten unterhalten
kann. Es liefert eben das Minimum.
Raashan Ahmad - Ceremony
2013
Label: JAKARTA
Mittwoch, 12. Februar 2014
Donnerstag, 24. Oktober 2013
Parts of Speech
Während Dessa auf ihrem ersten Album noch zwischen Gesang und Rap
changierte, vertraut sie auf ihrem neuesten Streich auf ihre
Singfähigkeiten, auch wenn sie zweitgenannten Stil nicht vollständig
verneint. Darben muss aber niemand, wenn die Platte erst einmal
gestartet ist, denn Dessa versteht es hervorragend, ihr Organ in die von
vielen unterschiedlichen Produzenten geschaffenen Soundflächen
einzubetten. Ihre Lieder entfalten Gefühle, Gedanken und Geschichten
über ganz universelle Themenkomplexe und lassen konventionelles Hip Hop
Feeling meist vermissen. Der Widerstand gegen die Stromschwimmerei wird
jedoch nur diejenigen entgeistern, die Dessa unfair kategorisiert und
ihren Horizont falsch eingeschätzt haben. Auch die seit Jahrzehnten
aktive und einflussreiche Kritikerfigur Robert Christgau erkannte nach
Erscheinen ihres Debüts "A Badly Broken Code" das Potenzial der Dame aus
Minneapolis und kam zu dem richtigen Schluss, dass sie keine
alltägliche Gestalt im Geschäft ist, in welchem man mit coolen
Punchlines mehr Respekt einfährt, als mit Zeilen, die aus den tiefsten
Schluchten der Gedankenwelt mühsam nach oben gebracht wurden. Ihr
Songwriting, welches sich meist auf Beziehungsgeschichten bezieht,
erschafft deshalb auch die berührendsten Storytelling-Songs, die man im
Hip Hop Genre je gehört hat. Selbst bei gefährlicher Nähe zu Kitsch und
verklärten romantischen Fantasien sind diese nämlich noch ein Genuss und
bringen genug Argumente mit, dass man sich ihnen mehr als nur einmal
zuwendet. Folgerichtig erweist sich "Parts Of Speech" als
verführerischer Zeittöter, der den Druck auf die Repeattaste regelrecht
provoziert, wobei dafür neben den Texten natürlich noch die Bauelemente
des musikalischen Rahmens sorgen, der einer Verzauberung mittels
hypnotisch wirkender Beats Vorschub leistet.
Dessa - Parts of Speech
2013
Label: Doomtree
Dessa - Parts of Speech
2013
Label: Doomtree
Beautiful Raw
Man hätte es ja wissen müssen. Nach dem musikalisch sehr imponierenden,
aber textlich relativ zahmen "So Be It" veröffentlichte das Duo nur ein
Jahr später das dritte Album und bestätigte mit "Owl" den kreativen
Abstieg, der nach ihrem legendären Erstling begann. Wer nun gedacht hat,
dass die Jungs sich dafür interessieren würden, mit dieser logischen
Kette des stufenweisen Niveauabbaus zu brechen, hat leider auf die
falschen Pferde gesetzt. Denn auf ihrem neuen Werk "Beautiful Raw" tun
die beiden Künstler wirklich alles dafür, um konform mit den Wünschen
der allgemeinen Szene-Hörerschaft zu gehen. Das heißt jedoch, zumindest
nach den ungeschriebenen Regeln des Marktes, die Musik zu verflachen,
sie übersichtlicher zu machen und überhaupt beliebiger klingen zu
lassen. Zwar zeugte schon "Owl" von einer bescheuerten
Anpassungsattitüde, zu der sich Qwel und Maker hinreißen ließen, doch
war die Entindividualisierung dort dennoch nicht so weit
fortgeschritten, dass man sagen konnte, die beiden würden nicht mehr von
ähnlichen Gruppen unterscheidbar sein. Mit "Beautiful Raw" lässt sich
allerdings ein neuer Abschnitt der Gruppenkarriere vermerken, weil die
beiden in meinen Ohren mit diesem Album die Grenze zur X-Beliebigkeit
überschritten haben. Verzichtet Qwel größtenteils auf die schwer
kryptischen lyrischen Entwürfe alter Tage, geht aber wenigstens nicht
dazu über, seine Texte komplett zurechtzudoofen, lässt Maker alles
vermissen, was sich irgendwie mit Begriffen wie Verrücktheit oder
Schlitzohrigkeit in Verbindung bringen lässt. Seine Beträge sind deshalb
fast ausnahmslos von adretter Erscheinung, aalglatt und hören sich an,
als wären sie produziert worden, um schnell wieder vergessen zu werden.
Doch enttäuscht dürfte man trotzdem nicht sein - man hätte es ja wissen
müssen.
Qwel & Maker - Beautiful Raw
2013
Label: Galapagos4
Qwel & Maker - Beautiful Raw
2013
Label: Galapagos4
Sonntag, 25. August 2013
Letters From Laika
Die im Jahr 2012 erschienene EP "Pangean Drift" wies schon daraufhin,
welchen Sound man vom Longplayer erwarten konnte. Extrem lebendige
Klangflächen, Erledigungen bestimmter Muster wie auch gleichzeitige
Entsagung an die sich ewig wiederholende Sample-Ergötzung. Das Album
löst das Versprechen freilich ein und lässt sich irgendwo zwischen einem
auf dem Experimentiertisch lange montierten Produkt und einer ohne
eines unnötigen Extragedankens aufbereiteten Platte einordnen, die keine
35 Minuten dauert, aber lyrisches und soundästhetisches Gewicht
mitbringt, das locker für zwei CDs reichen würde. Neben dem exzellenten
Songwriting gewinnt Kay die Zuhörer ebenfalls mit coolen Flows für sich,
die in den meisten Fällen ziemlich flott daherkommen und vor allen
Dingen exquisit zu den luftigeren Produktionen passen. Dank der
Live-Instrumentierung herrscht ohnehin keine Langeweile und Factors
elektrisierend-intensive Achtziger-Anlehnungen bilden in ihrer
Ausstaffierung einen Spiegel, in dem sich das bisherige Schaffen des
kanadischen Produzenten problemlos analysieren und zusammenfassen lässt;
ein Schaffen, in dem es darum geht, ohne Umständlichkeiten kreative
Freiheiten zu entwickeln, ohne auf der elitären Schiene zu fahren und
darum superindividuelle wie ultra-unkonventionelle Beats entwickeln zu
müssen. Seine Arbeiten sind deshalb auch auf "Letters From Laika" einem
schönen Gleichgewicht verpflichtet, egal ob er futuristische,
melancholische oder gar unheimlich schmissige Rapbegleitungen kreiert.
Längst ist auf der CD nicht alles perfekt und von Schmutzflecken
unberührt, doch bieten die kritikwürdigeren Elemente noch lange nichts,
wofür man sich in den Schmollwinkel zurückziehen müsste.
Kay The Aquanaut & Factor - Letters From Laika
2013
Label: Circle Into Square
Kay The Aquanaut & Factor - Letters From Laika
2013
Label: Circle Into Square
Freedom Of Speech
Eigentlich müsste "Freedom Of Speech" in aller Munde sein, denn das
zweite Album der Londoner Rapperin ist ein Feuerwerk an Emotionen. Doch
wie bei Big Dada Veröffentlichungen üblich wurde hier nicht primär auf
die Verkaufszahlen geschielt, sondern auf Qualität gesetzt, die sich
sowohl im Gesamtpaket wie auch im Detail finden lässt. Man war also
darauf fixiert, den Langspieler nicht zu trendy klingen zu lassen. Mögen
schmierig rhythmische Reize und oberflächliches Spacko-Geschwätz
verkaufsfördernd sein, in Speech Debelles Welt geht es um aufrichtige
Gefühle, weshalb einzig die Single "I'm With It" etwas von
Aufdringlichkeit besitzt. Der Rest ist betont ruhig und reduziert, die
Produktionen nie überfrachtet. Alleinunterhalter Kwes. legt schmissige
Melodien und gemächliche Gitarrenakkorde auf, die mit einer wunderbar
femininen Stimme einen Vermischungsprozess eingehen und folglich den
Soul der Texte spürbar machen. Und welch atemberaubende Intimität der
bisweilen in einer Art Flüsterton gehaltene Rap erzeugt! Es mochte 2009
noch eine große Überraschung gewesen sein, als die junge Rapperin den in
der Independent-Szene beliebten Mercury Music Prize für ihr Debüt
"Speech Therapy" entgegennahm, doch nach diesem Werk ist die Londonerin
weit mehr als nur Big Dada Nachwuchs. Der Frau eine große künstlerische
Perspektive zu bescheinigen, das fällt nicht schwer. Speech Debelles gut
aufgestelltes Lyrics-Portfolio - auf "Freedom Of Speech":
Schuldbekenntnisse, Liebesbeziehungs-Poetik, gesellschaftspolitische
Überlegungen u.v.m. - ist dabei genauso eine offenkundige Stärke wie
ihre sinnliche Stimme. Das nächste Album kann kommen.
Speech Debelle - Freedom Of Speech
2012
Label: Big Dada
Speech Debelle - Freedom Of Speech
2012
Label: Big Dada
G Is For Deep
Hip Hops Micky-Maus-Stimme Doseone testet mit "G Is For Deep" ein weiteres Mal
die Dehnbarkeit von Hip Hop und schaut, wie weit er gehen muss, um es
auf die Spitze zu treiben. Längst nicht jeder ist ihm bereit zu folgen,
doch zumindest hat er für dieses Soloalbum endlich auch seine Heimat
Anticon als Releaseplattform gewählt, womit doch wenigstens
sichergestellt sein müsste, dass die CD den ganzen
Experimentalrap-Aficionados nicht durch die Lappen geht. Denn die sind
es hier, die eine freundliche Bedienung erfahren, während der Rest sich
die Frage stellen wird, was dieser elektronische Soundkonfetti denn nun
mit Hip Hop zu tun hat. Berechtigt ist die Position der Doseone-Verweigerer durchaus, zumal das
Am-Rad-Drehen des Künstlers aus Ohio immer beklopptere Formen anzunehmen
scheint. Mit dem alten Zeug aus den Neunzigern weist "G Is For Deep"
jedenfalls kaum Schnittpunkte auf. Um auf diesem Album hundertprozentige
Raps zu hören, braucht man zwar keine guten Einbildungsfähigkeiten,
dafür aber viel Geduld. Empfehlenswert ist dennoch die Bereitschaft,
zappeligen und wurstelnden Singsang als Rap zu akzeptieren, oder sich
erst gar keinen Kopf darum zu machen, was der ehrenwerte Herr nach
allgemeingültigen Definitionen während des Entstehungsvorgangs in der
Aufnahmekabine tatsächlich getrieben hat. Rap oder Gesang - egal. Und wenn das Kunstwerk das Kind eines Künstlers
ist, so lässt sich mühelos konstatieren, dass es sich bei diesem Werk
mindestens um ein schönes Kind handelt. Ständig in psychedelischen und
surrealistischen Sphären unterwegs, übt der Soundtrack durch wummernde
Bässe und dissonanten Mischmasch eine magische Anziehung aus, der man
sich zumindest dann gerne aussetzt, wenn nicht im Einklang spielende
Instrumente nicht zu den K.-O.-Kriterien gehören. Obwohl kein
Unterstützer der Geschmackssache-Floskel, will mir kein Textende
einfallen, welches an dieser Stelle passend wäre. Deshalb bleibt mir nur
die Wahl, den Konsumenten mitzuteilen, dass die Beurteilung der hier
vorgetragenen Gesangsparade eines Nonkonformisten ganz besonders vom
soundästhetischen Geschmack jedes Einzelnen abhängt.
Doseone - G Is For Deep
2012
Label: Anticon
Doseone - G Is For Deep
2012
Label: Anticon
The Block Brochure: Welcomet to the Soil 1
Wenn man der populärsten Informationsquelle im World Wide Web vertrauen
kann, stellt die erste Ausgabe der dreiteiligen "Block Brochure"-Reihe
das schon fünfzehnte Soloalbum des alten Hasen aus Vallejo dar. Ich
spreche natürlich sehr vielen Meinungen Hohn, wenn ich schreibe, dass
E-40 seit Anbeginn seiner Karriere zu den langweiligsten Exemplaren an
der Westküste zählte und dass sich daran im Laufe der Zeit nicht im
Geringsten etwas geändert hat; aber da ich eine gewisse Transparenz bei
meinen Schreibergüssen unterstützen möchte, darf es kein Geheimnis sein,
welche Meinung ich über E-40 meine eigene nenne. Obwohl "Welcome To The
Soil 1" bei Unterstützern und langjährigen Hörern gut ankommen dürfte,
fällt die fidele Superfühl-Musik bei mir komplett durch. Die nicht mal
so selten von galaktischer Dämlichkeit durchzogenen Texte mit ihren
tumben Egoaufputsch-Lines und der dazugehörigen postpubertären Komik
lassen nicht nur komplett kalt, ihnen fehlt auch die musikalische
Absicherung, die normalerweise dazu dient, das Straßenrap-Gesülze
überhaupt konsumierbar zu machen. Doch in diesem kruden Matsch aus
trendiger Boom-Boom-Hip Hop-Betörung und halb gelungener
Tiefbass-Kopfnicker sucht man größtenteils vergeblich nach so etwas wie
Klasse. Manchmal sollte man einfach nur dem Cover glauben: E-40 verkauft
das Leben in der Hood als Zirkusshow. Tretet ein, und amüsiert euch.
E-40 - The Block Brochure: Welcomet to the Soil 1
2012
Label: Heavy On The Grind
E-40 - The Block Brochure: Welcomet to the Soil 1
2012
Label: Heavy On The Grind
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